- Erscheinungsjahr: USA, 2019
- Länge: 84 Minuten
- Regie: Michael Goi
- Musik: The Newton Brothers
- Darsteller:
- Gary Oldman (David Greer), Emily Mortimer (Sarah Greer), Manuel Garcia-Rulfo (Mike), Stefanie Scott (Lindsey Greer), Chloe Perrin (Mary Greer), Jennifer Esposito (Detective Clarkson)
Mary will ein übernatürlicher Horrorfilm sein, spielt auf einer düsteren Segelyacht und hat mit Gary Oldman sogar einen Oscar-Preisträger an Bord. Doch anstatt eines spannenden, klaustrophobischen Gruselfilms bekommen wir eine Geschichte serviert, die so vorhersehbar ist, dass man sich fragt, ob das Drehbuch in Flaschenpost-Form aus dem letzten Jahrzehnt angeschwemmt wurde. Regisseur Michael Goi, eigentlich ein erfahrener Kameramann und bekannt für düstere Serien wie American Horror Story, versucht sich hier an einem nautischen Horrortrip. Doch während er atmosphärisch einiges richtig macht, scheitert der Film erzählerisch.
Dabei startet Mary mit einer Prise Abenteuer, die jedem Segler das Herz aufgehen lässt. Skipper und Familienvater David (Gary Oldman) ersteigert eine alte Yacht – kein seelenloses Plastikboot, sondern ein Schiff mit Charakter, Geschichte und dem gewissen Etwas. Ein Schiff, das Geschichten erzählen könnte, wenn es sprechen könnte. Sein großer Traum: die Mary wieder instand setzen, sie mit Leben füllen und mit seiner Familie einen Neuanfang auf dem Wasser wagen.
Die Reise beginnt in einem typischen amerikanischen Hafen, irgendwo an der Ostküste. Während David voller Begeisterung Pläne schmiedet, fühlt sich seine Frau Sarah (Emily Mortimer) von der spontanen Entscheidung überrumpelt. Ein neuer Lebensabschnitt? Mit einem alten Schiff, das mehr nach Sorgen als nach Freiheit aussieht? Doch Davids Vision ist klar: Die Mary soll sie in eine bessere Zukunft führen. Sie haben ein Ziel vor Augen – einen Ort, an dem sie das Boot als Charteryacht betreiben und ihr Leben neu aufbauen wollen.
Also packt die ganze Familie mit an. Sie schleifen, streichen und reparieren – mit den Händen in Öl und Farbe, die Köpfe voller Hoffnungen. Für einen kurzen Moment hat Mary tatsächlich das Potenzial, eine mitreißende Geschichte über Aufbruch und Abenteuer zu erzählen. Und dann beginnt die Reise – und für die Zuschauer der Horror.
Doch bevor das eigentliche Grauen beginnt, begeht Mary bereits einen Kardinalsfehler – und zwar direkt in den ersten Minuten. Statt uns langsam in das Unheil auf hoher See eintauchen zu lassen, entscheidet sich der Film für eine völlig unnötige Rahmenhandlung: eine Rückblende aus der Perspektive von Sarah, die sich in einem düsteren Verhörraum mit der Polizei wiederfindet. Die Frage steht im Raum: Was ist mit der Mary und ihrer Crew passiert? Ein Mysterium? Spannung? Nicht wirklich – denn durch diese Szene wird uns schon zu Beginn klar, dass die Reise in einer Katastrophe endet.
Diese Art von Erzählweise kann funktionieren, wenn sie geschickt eingesetzt wird – doch hier nimmt sie dem Film jegliche Spannung, bevor sie überhaupt entstehen kann. Statt uns nach und nach in den Albtraum hineinzuziehen, spoilert sich Mary selbst und beraubt uns der Möglichkeit, wirklich mitzufiebern. Schlimmer noch: Die Verhörszenen ziehen sich wie Kaugummi durch den gesamten Film, unterbrechen immer wieder den ohnehin schon schwachen Spannungsbogen und wirken dabei, als wären sie aus einer drittklassigen True-Crime-Doku kopiert worden.
Nachdem die Mary aus dem Hafen ausläuft, könnte der Film eigentlich langsam eine unheilvolle Atmosphäre aufbauen. Doch stattdessen setzt er auf die Holzhammer-Methode: Seltsame Schatten huschen durchs Bild, merkwürdige Geräusche hallen aus dem Bauch des Schiffes, und natürlich passieren Dinge, die sich nur mit „übernatürlicher Bedrohung“ erklären lassen. All das wird ohne echtes Gespür für Spannung oder Timing präsentiert. Die Effekte sind billig, die Schockmomente vorhersehbar, und die Charaktere verhalten sich so unlogisch, dass man sich fragt, ob sie das Boot mit einer Geisterbahn verwechselt haben.
Besonders fragwürdig ist eine Szene, in der die kleine Tochter Mary (!) eines Nachts an Deck steht, wirr in die Dunkelheit starrt und dann – Überraschung! – plötzlich einen gruseligen Satz von sich gibt. Die Familie reagiert natürlich nicht mit logischem Menschenverstand („Lass uns umkehren“), sondern mit einem Schulterzucken, als wäre ein übernatürlich besessenes Kind auf See das Normalste der Welt.
Ein weiteres Highlight der Absurdität: Die klassischen „Ich geh mal alleine runter in den dunklen Maschinenraum“-Momente, bei denen sich die Figuren systematisch selbst ins Verderben schicken. Besonders schmerzhaft ist eine Szene, in der David ein seltsames Symbol in der Kajüte entdeckt. Statt misstrauisch zu werden, wischt er es einfach weg – was in etwa so intelligent ist, wie eine rote Warnlampe mit schwarzem Edding zu übermalen.
Während der Film also bemüht ist, einen schleichenden Schrecken aufzubauen, fällt er immer wieder über seine eigenen Klischees und schlechten Entscheidungen. Die Mary soll eine bedrohliche Präsenz sein, doch anstatt subtiler Andeutungen bekommen wir Geistererscheinungen, die direkt aus einer Halloween-Deko-Abteilung stammen. Jede Szene schreit förmlich: „Achtung, jetzt wird’s gruselig!“ – und genau deshalb funktioniert es nicht.
Auch die Musik bleibt leider austauschbar. Statt subtiler Spannung gibt es die üblichen dröhnenden Sounds, die jede Überraschung ankündigen, bevor sie passiert. Besonders schade: Der Score nutzt die maritime Atmosphäre kaum, obwohl hier viel Potenzial gewesen wäre.
So sehr Mary inhaltlich Schiffbruch erleidet, so muss man doch zugeben, dass es ein paar Lichtblicke gibt – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kameraarbeit ist stellenweise gelungen, vor allem in den Szenen, die das Segeln und die offene See einfangen. Die weiten Einstellungen des Ozeans, das Spiel von Licht und Schatten auf dem Wasser und die Enge der Kajüten werden atmosphärisch eingefangen. Hier zeigt sich, dass das Setting durchaus Potenzial gehabt hätte, wäre es mit einem besseren Drehbuch ausgestattet worden.
Auch schauspielerisch wird zumindest versucht, das sinkende Drehbuch zu retten. Gary Oldman gibt sich alle Mühe, seiner Rolle als besessener Familienvater Glaubwürdigkeit zu verleihen, auch wenn das Material ihm kaum Spielraum lässt. Emily Mortimer als seine Ehefrau Sarah trägt den Film noch am ehesten, indem sie zumindest ein Mindestmaß an echter Verzweiflung in ihre Rolle bringt. Der Rest des Casts bleibt hingegen blass, was aber weniger an den Darstellern als an den hölzernen Dialogen und den absurden Entscheidungen der Figuren liegt.
Und so bleibt uns zum Schluss nur noch ein Hinweis an alle Segelfans, die davon träumen, ein altes Schiff zu restaurieren und auf eine epische Reise zu gehen: Mary zeigt uns auf eine erschreckend direkte Weise, dass der Weg von einem maritime Traum zu einem Horrortrip doch kürzer ist, als man denkt.