Venedig polarisiert. Für die einen ist es ein magischer Ort voller Geschichte, für die anderen eine überfüllte Touristenfalle mit horrenden Preisen. Seit einem Jahr muss man sogar Eintritt zahlen, um die Stadt zu betreten – als wäre sie ein Museum. Die Gassen sind hektisch, die Gondeln überfüllt, und doch gibt es für uns kaum einen schöneren Moment, als mit unserer Stella Polare in die Lagune zu segeln. Wenn sich die Silhouetten der Palazzi am Horizont abzeichnen und die Stadt langsam näherkommt, dann fühlt sich Venedig an wie ein fantastisches Wunder. Aber dieses Wunder ist in Gefahr.
Laut einer aktuellen Studie des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie könnte es für Venedig bis 2150 ernst werden. Der Meeresspiegel steigt, die Stadt sinkt – keine ideale Kombination, wenn man trockene Füße behalten möchte. Die Acqua Alta gehören längst zum Alltag, aber Prognosen sprechen von bis zu 70 Zentimetern mehr Wasser. Und ja, das ist genug, um den Markusplatz in eine Open-Air-Badelandschaft zu verwandeln.
Natürlich gibt es Schutzmaßnahmen. Das MOSE-Projekt – die große Hoffnung in Form eines beweglichen Fluttors – soll Venedig retten. Theoretisch. Praktisch gibt es immer wieder Diskussionen darüber, ob es wirklich hilft oder ob es am Ende nur eine sehr teure italienische Laune bleibt, die manchmal funktioniert und manchmal eben nicht.
MOSE wird aktiviert, sobald ein Hochwasser von 110 Zentimetern oder mehr prognostiziert wird. Die Barrieren schließen dann innerhalb von etwa 30 Minuten und verhindern, dass das Wasser ungehindert in die Lagune strömt. Das klingt nach einer simplen Lösung, doch in der Praxis gibt es Herausforderungen: Die Entscheidung, die Schleusen zu schließen, muss früh genug getroffen werden, da das System nicht spontan, sondern mit Vorlaufzeit reagiert. Zudem ist es nicht für den dauerhaften Einsatz gedacht – es soll vor extremen Hochwassern schützen, aber nicht die tägliche Flut regulieren. Bei häufigeren Wasseranstiegen könnte es also an seine Grenzen kommen.
Schon der Bau von MOSE war eine unglaubliche Herausforderung. Jahrzehntelange Planungen, endlose Diskussionen, Kostenexplosionen und Korruptionsskandale – das Projekt hatte alles, was eine italienische Großbaustelle ausmacht. Doch nun, wo es endlich in Betrieb ist, zeigt sich, dass es viel öfter aktiviert werden muss als ursprünglich gedacht. Laut der aktuellen Studie könnte es langfristig sogar überfordert sein. Was als Schutzmaßnahme gegen extreme Hochwasser gedacht war, wird zunehmend zur Routine. Und die Frage bleibt: Wie lange kann MOSE noch mithalten?
Der drohende Untergang Venedigs ist keine neue Geschichte. Schon Goethe schrieb 1786 über die Stadt: „Venedig, diese Meerjungfrau mit grauen Haaren, die sich auf den Wellen wiegt.“ Hemingway nannte sie „eine traurige Stadt, voller Melancholie.“ Und Thomas Manns Tod in Venedig hat das Bild der untergehenden Lagunenstadt fest in unser kulturelles Gedächtnis gebrannt. Venedig war immer ein Symbol für Vergänglichkeit – doch diesmal ist es keine romantische Schwarzmalerei, sondern eine beängstigende Mahnung, dass wir auf dem falschen Weg sind.
Denn Venedig ist nicht nur eine Stadt, sondern ein Sinnbild für unsere Zukunft. Wenn selbst die schönste Stadt der Welt vom Wasser verschlungen wird und wir nur gelähmt zuschauen, dann ist das nicht nur ein kulturelles Drama, sondern ein Zeichen, dass wir den menschlich erzeugten Klimawandel zwar schon erkannt haben, aber so tun, als würde er uns nichts angehen. Vielleicht ist es Zeit, nicht nur darüber zu reden, was verloren gehen könnte, sondern dafür zu sorgen, dass es bleibt. Denn am Ende wird Venedig nicht einfach untergehen – es wird langsam verschwinden, mit der Flut kommen und gehen, bis es eines Tages nur noch eine Erinnerung ist.